Re: [WLANtalk] "eine neue Lizenz für Open-Source Saatgut"

David Rabel david.rabel at gmx.de
Mi Apr 26 09:22:15 UTC 2017


Lieber Ralf und Willi,

ein paar Anmerkungen:

On 26.04.2017 03:06, willi uebelherr wrote:
> Wir muessen in grossen zeitraeumen denken. Und da wird sich das prinzip
> "Wissen ist immer Welterbe" durchsetzen, weil es rational ist. Das, was
> wir heute sehen, ich laecherliches luegenspektakel.

Dass sich gerade das Rationale langfristig durchsetzen wird, ist noch
nicht unbedingt klar. Menschen handeln oft irrational und stecken
außerdem in vielen Herrschaftsstrukturen, die es ihnen verbieten, sich
für das rational Richtige zu entscheiden, selbst wenn sie es erkennen.


> Mit der geleisteten zeit fuer die realisierung von ideen und
> modellbildungen sind wir eingebettet in ein grosses geflecht von
> beitraegen an gemeinschaftlichen aufgaben. Wir koennen auch sagen, dass
> die meisten menschen in den sogenannten industrialisierten laendern
> parasitaer existieren. Sie tragen nichts bei, obwohl sie einen enormen
> aufwand verursachen.

Das ist so nur halb richtig. Ich glaube, es ist sehr schwer bzw
unmöglich, den gesellschaftlichen Beitrag zu messen.

Ein paar Dinge wie Werbung, Handel, Finanzwesen, etc tragen
gesamtgesellschaftlich nichts bei, da sind wir uns vielleicht einig.
Verfechter des Kapitalismus würden aber vielleicht schon behaupten, dass
sie nötig sind, damit die Wirtschaft überhaupt funktioniert.

Der nächste Punkt wären Militär, Polizei, Richter, Anwälte,
Fahrkartenkontrolleure, etc. Da gehen die Meinungen schon stärker
auseinander, weil nach mehreren Generationen Propaganda in den Köpfen
der meisten Menschen drin ist, man bräuchte die, um die Guten (uns) vor
den Bösen zu schützen.

Wie ist es aber mit dem ganzen Technologie-Sektor? Mehr Technologie
bedeutet, die gleichen Aufgaben könnten mit weniger Aufwand gemeistert
werden. Theoretisch bräuchte doch schon lange keiner mehr hart arbeiten,
wenn man sich die Produktivitätssteigerung der letzten paar Hundert
Jahre mal anschaut. Die gewonnene Produktivität kommt aber scheinbar nur
der Wirtschaft zu Gute. Es gibt noch ein paar Superreiche, aber die
können gar nicht so viel ausgeben, wie sie haben (und reinvestieren mehr
als sie für sich privat ausgeben). Außerdem wächst objektiv in den
Industrienationen der Wohlstand. Aber das äußert sich nur in größeren
Fernsehern und neuen Smartphones, vielleicht noch mehr Reisen und
dickere Autos.
Worauf ich hinaus will: Hat technologischer Fortschritt auf unserem
Niveau für die Gesellschaft irgendeinen Wert? Insbesondere eingebettet
in ein Wirtschaftssystem, das nicht auf das Wohlergehen der Menschen
ausgerichtet ist?

Also ich denke, wir verursachen nicht nur enormen Aufwand, sondern haben
auch eine enorme Produktivität. Parasitär ist es nur insofern, als dass
es unüberlegt und egoistisch ist, aber da ist der Rest der Welt nicht
besser. Gefährlich ist es, weil es immer weiter wächst und dabei nicht
auf das Wohl der Menschen ausgerichtet ist.


> Ich denke, an dieser stelle koennen wir ansetzen. Das ziel ist, dass
> jede person mindestens der gemeinschaft gibt, was sie von ihr nimmt. Wir
> koennen diese bilanz auch auf groessere zeitraeume ausdehnen.

Das halte ich nicht für sinnvoll. Wie oben geschrieben, halte ich es
kaum für möglich, das überhaupt zu bemessen. Und was wollen wir
überhaupt als Grundlage dieser Messung nehmen?

Geld? Hast du vermutlich nicht im Sinn gehabt, aber auch das ist
teilweise Mangelware und deshalb nicht zu vernachlässigen. Wären nicht
die leeren Sozialkassen ein ständiges Theme, würde ich vermutlich schon
lange von Hartz IV leben und etwas sinnvolleres als Lohnarbeit mit
meiner Zeit anfangen.

Beitrag zur materiellen Produktivität? Da müsste jede zweite
Free-Software-Entwicklerin sich mit 30 zur Ruhe setzen können, weil sie
ihren Beitrag geleistet hat. Aber auch hier ist die Verrechnung beinahe
unmöglich. Wie viele Lines of Code kostet ein Haarschnitt? Ohne
irgendwelche wahllosen subjektiven Kriterien (sei es ein freier Markt,
sei es investierte Arbeitszeit) lässt sich das nicht messen.

Beitrag zu einem besseren Leben für alle? Da wird das Aufrechnen noch
unmöglicher. Aber klingt doch am sympathischsten.


Ich bin ja der Meinung, dass Menschen einfach das geben sollten, was sie
für sinnvoll halten und sich absprechen sollten, wer was bekommt. Ich
bin mir sicher, das gibt hin und wieder Streit um die Verteilung, aber
ich bin mir auch sicher, dass dann weniger Leute verhungern müssten und
dass wir auf die meisten "parasitären" Tätigkeiten verzichten könnten,
genauso wie auf grenzenloses Wachstum und die daraus resultierende
Zerstörung der Welt. Und dann würde sich die Frage nicht stellen, ob
Software oder Saatgut frei sein sollte. Dann würde nämlich alles andere
tatsächlich keinen Sinn machen.

Also um es auf den Punkt zu bringen, fühle ich mich da am ehesten im
kommunistischen Anarchismus zu Hause.


> Sollen wir diesen wahn, den wir heute erleben, ernst nehmen? Ihn
> respektieren? Sich uns an ihm orientieren? Sollen wir uns selbst zu
> wahnsinnigen umformen?

Das sind gute Gedanken. Ernst nehmen wahrscheinlich schon. Aber ich gebe
dir Recht, dass wir uns auch nicht zu sehr davon das Hirn umkrempeln
lassen sollten.
Manchmal sollten wir einfach die Welt naiv betrachten und die
Scheuklappen des gerade herrschenden Systems ablegen.
Wirtschaftssysteme, Staaten, etc, das alles ist vergänglich und wir
haben oft deutlich mehr Möglichkeiten, etwas anders zu machen, als wir
denken. Wir müssen uns dessen nur erstmal bewusst werden und auch mal
dickköpfig unsere Vorstellungen umsetzen.

Das hat übrigens auch Stallman gemacht, mit beachtlichem Erfolg. Deine
Kritik an ihm verstehe ich noch nicht ganz, obwohl ich auch einiges an
ihm kritikwürdig finde. Aber sein Handeln halte ich unterm Strich doch
für richtig und wichtig. Ich fände es auch eher bedenklich, wenn ich
alles von ihm toll fände. Ich will Ideen folgen und nicht Menschen.

Viele Grüße
  David




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